Alles spricht
Das hat ein Mönch zu mir gesagt. In einem Kloster in den italienischen Bergen,
am Ende einer Schweigewoche. Ich war dorthin gefahren, weil ich meine gewöhnte
Umgebung verlassen wollte. Damit nichts so spricht, wie ich es kenne. Die
Natur eine andere, die Laute andere, die Sprache unverständlich.
Und als die eigene Sprache wegfiel, ist etwas Ungeheures passiert. Die weißen
Steine auf der Wiese waren keine Steine mehr. Sie waren Salzkristalle, gestreut
von etwas Größerem. Der Wind war nicht Wetter. Er war Stimme. Ich habe mich
gegen ihn gesetzt und ihm zugehört. Und die Welt hat angefangen zu reden.
Die Mönche haben gefragt, warum einer aus Deutschland nach Italien in ein
Kloster fährt. Ob man das nicht näher hätte haben können. Ich sagte: Genau
darum. Weil näher nicht weit genug weg ist. Weil ich alles verlieren musste,
was vertraut ist, um zu hören, was darunter liegt.
Am Ende hat einer von ihnen mir etwas mitgegeben. Einen Satz: "Alles spricht!"
Ich glaube, er hat gesehen, was ich bin. Nicht was ich tue. Was ich bin.
Ich bin ein Zuhörer.
Ich gestalte nicht. Ich höre zu – bis die Welt von selbst spricht. Bis ein
Mensch seine Maske ablegt und ich auslöse. Bis ein Klang anfängt zu atmen
und ich ihn festhalte. Bis ein Wort sich so verdichtet, dass es ein ganzes
Lied trägt. Es gibt etwas in mir, das direkt an der Wirklichkeit hängt. Ohne Filter.
Wie ein Draht, der direkt zur Sonne geht. Was dort ankommt, ist roh und
ganz und manchmal unaushaltbar. Als Kind fällt man da rein und wieder raus.
Ganz offen oder ganz zu. Dazwischen – nichts.
Das ganze Leben war der Versuch, dieses Dazwischen zu finden. Nicht die
Unmittelbarkeit aufzugeben – die bin ich. Nicht mich abzuspalten – das hält
nicht. Sondern einen Weg zu finden, das, was ich empfange, nach außen zu
bringen. Ohne es zu verraten. Ohne es zu stutzen. So, wie es ist.
Ich habe Stimme gelernt. Jahre. Bis die Leute dort, wo ich singe, manchmal
still werden und weinen. Nicht weil ich beeindrucke. Sondern weil ich in
dem Moment nicht performe. Ich bin da, ich bin offen, und das Lied geht
durch mich durch.
Ich habe Bilder gelernt. Mit dem, was jeder in der Tasche trägt. Weniger
Technik, mehr Tiefe. Ich warte, bis ein Mensch ganz bei sich ist. Und dann
halte ich fest, was schon da war. Ich habe Klang gelernt. Hundert Varianten hören,
bis eine anfängt zu leben. Dann herausarbeiten, was sie trägt. Alles andere
weglassen. Reduktion, bis nur das Echte übrig bleibt.
Ich habe Worte gelernt. Verdichtet. Auf der Oberfläche einfach. Aber je
tiefer man geht, desto mehr öffnet sich. Ein Lied ist für mich ein ganzer
Gedanke – einer, den ich nicht in wenigen Sätzen sagen kann.
Was mich ausmacht: Unmittelbarkeit verdichten.
Etwas in mir empfängt die Wirklichkeit, wie sie ist. Und alles, was ich
gelernt habe – Stimme, Bild, Klang, Wort – ist der Weg, das nach außen zu
tragen. Ohne es zu verlieren.
247.blue ist der Ort, an dem das zusammenkommt. 2 ist das, was die Maschine
mir geben kann. 4 ist das, wo meine Stimme dazukommt. 7 ist das, wo nichts
mehr dazwischen ist. Nur ich. Und Blue ist der Ozean. Das Unergründbare.
Die Tiefe, zu der man nicht tauchen kann, ohne sich zu verändern.
Ich will nicht, dass du mir folgst. Ich will, dass du deine eigenen Drähte
zur Sonne findest. Dass du aufhörst zu funktionieren und anfängst zuzuhören.
Nicht mir. Dir.
Alles spricht - man muss nur still genug sein.
247.blue
am Ende einer Schweigewoche. Ich war dorthin gefahren, weil ich meine gewöhnte
Umgebung verlassen wollte. Damit nichts so spricht, wie ich es kenne. Die
Natur eine andere, die Laute andere, die Sprache unverständlich.
Und als die eigene Sprache wegfiel, ist etwas Ungeheures passiert. Die weißen
Steine auf der Wiese waren keine Steine mehr. Sie waren Salzkristalle, gestreut
von etwas Größerem. Der Wind war nicht Wetter. Er war Stimme. Ich habe mich
gegen ihn gesetzt und ihm zugehört. Und die Welt hat angefangen zu reden.
Die Mönche haben gefragt, warum einer aus Deutschland nach Italien in ein
Kloster fährt. Ob man das nicht näher hätte haben können. Ich sagte: Genau
darum. Weil näher nicht weit genug weg ist. Weil ich alles verlieren musste,
was vertraut ist, um zu hören, was darunter liegt.
Am Ende hat einer von ihnen mir etwas mitgegeben. Einen Satz: "Alles spricht!"
Ich glaube, er hat gesehen, was ich bin. Nicht was ich tue. Was ich bin.
Ich bin ein Zuhörer.
Ich gestalte nicht. Ich höre zu – bis die Welt von selbst spricht. Bis ein
Mensch seine Maske ablegt und ich auslöse. Bis ein Klang anfängt zu atmen
und ich ihn festhalte. Bis ein Wort sich so verdichtet, dass es ein ganzes
Lied trägt. Es gibt etwas in mir, das direkt an der Wirklichkeit hängt. Ohne Filter.
Wie ein Draht, der direkt zur Sonne geht. Was dort ankommt, ist roh und
ganz und manchmal unaushaltbar. Als Kind fällt man da rein und wieder raus.
Ganz offen oder ganz zu. Dazwischen – nichts.
Das ganze Leben war der Versuch, dieses Dazwischen zu finden. Nicht die
Unmittelbarkeit aufzugeben – die bin ich. Nicht mich abzuspalten – das hält
nicht. Sondern einen Weg zu finden, das, was ich empfange, nach außen zu
bringen. Ohne es zu verraten. Ohne es zu stutzen. So, wie es ist.
Ich habe Stimme gelernt. Jahre. Bis die Leute dort, wo ich singe, manchmal
still werden und weinen. Nicht weil ich beeindrucke. Sondern weil ich in
dem Moment nicht performe. Ich bin da, ich bin offen, und das Lied geht
durch mich durch.
Ich habe Bilder gelernt. Mit dem, was jeder in der Tasche trägt. Weniger
Technik, mehr Tiefe. Ich warte, bis ein Mensch ganz bei sich ist. Und dann
halte ich fest, was schon da war. Ich habe Klang gelernt. Hundert Varianten hören,
bis eine anfängt zu leben. Dann herausarbeiten, was sie trägt. Alles andere
weglassen. Reduktion, bis nur das Echte übrig bleibt.
Ich habe Worte gelernt. Verdichtet. Auf der Oberfläche einfach. Aber je
tiefer man geht, desto mehr öffnet sich. Ein Lied ist für mich ein ganzer
Gedanke – einer, den ich nicht in wenigen Sätzen sagen kann.
Was mich ausmacht: Unmittelbarkeit verdichten.
Etwas in mir empfängt die Wirklichkeit, wie sie ist. Und alles, was ich
gelernt habe – Stimme, Bild, Klang, Wort – ist der Weg, das nach außen zu
tragen. Ohne es zu verlieren.
247.blue ist der Ort, an dem das zusammenkommt. 2 ist das, was die Maschine
mir geben kann. 4 ist das, wo meine Stimme dazukommt. 7 ist das, wo nichts
mehr dazwischen ist. Nur ich. Und Blue ist der Ozean. Das Unergründbare.
Die Tiefe, zu der man nicht tauchen kann, ohne sich zu verändern.
Ich will nicht, dass du mir folgst. Ich will, dass du deine eigenen Drähte
zur Sonne findest. Dass du aufhörst zu funktionieren und anfängst zuzuhören.
Nicht mir. Dir.
Alles spricht - man muss nur still genug sein.
247.blue